Bericht zur Fahrt in die Gedenkstätte Buchenwald

vom 19.-21.11.2021

An einem kalten November-Wochenende fuhren 16 Mitglieder des SPD- Unterbezirks Gießen nach Buchenwald. Vorbereitet, organisiert und durchgeführt von Emily Härtel und Kristine Tromsdorf, vor Ort sachkundig begleitet von Helmut Rook, der mit seinem profunden und umfassenden Wissen einfühlsam durch das Grauen führte, das das Lager in den meisten Menschen auslöst. Untergebracht ist die Gruppe in einer ehemaligen SS-Kaserne auf dem Gelände, die zu einer modernen Jugendbegegnungsstätte umgebaut ist.

Das nationalsozialistische Konzentrationslager Buchenwald bestand von Juli 1937 bis zur Befreiung am 11. April 1945. Eingesperrt waren hier ca. 250.000 Häftlinge, von denen mehr als 56.000 nicht überlebten. (Zur detaillierten Geschichte des Lagers siehe Gedenkstätte Buchenwald www.buchenwald.de/69/ )

Ziel der Fahrt war es, mehr über die Geschichte und die Entwicklung des Konzentrationslagers zu erfahren. Vor allem auch, wie es überhaupt möglich war, dass in einem zivilisierten Staat die Einrichtung solcher menschenverachtender Orte möglich war und von der Bevölkerung akzeptiert und mitgetragen wurde.

Konfrontiert wird man mit einem authentischen Ort, der eine differenzierte Betrachtung und Auseinandersetzung einfordert. Dazu gehört die Erkenntnis, dass sich die Funktion Buchenwalds in den acht Jahren seines Bestehens mehrfach veränderte. Bei der Einrichtung der Lager war es das primäre Ziel der NS-Führung, politische und weltanschauliche Gegner, aber auch alle diejenigen, die per Definition nicht zur sogenannten arischen Volksgemeinschaft gehörten, ausgrenzen und wegsperren zu können: politische Gegner, sogenannte Berufsverbrecher, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sogenannte Asoziale – Ausgrenzung fand auf allen gesellschaftlichen Ebenen statt. 1938 kamen dann 10.000 jüdische Männer nach der Reichspogromnacht ins Lager.

Die Häftlinge müssen in der Aufbauzeit schwere körperliche Arbeit leisten, die Unterbringung ist primitiv, die Lebendbedingungen schlecht. Mit Kriegsbeginn ändert sich die Häftlingsgesellschaft, sie wird international.

Die SS hat mit den Häftlingen Zugriff auf ein großes Reservoir an Arbeitskräften, die im Laufe des Krieges immer dringender in der Rüstungsproduktion gebraucht werden. Buchenwald wird zur Drehscheibe für den Arbeitseinsatz von Häftlingen: Feststellung der Qualifikation, Quarantäne im Kleinen Lager, Transport in ein Außenlager, Arbeit bis zum völligen körperlichen Verschleiß und Tod in Auschwitz oder einer anderen Mordstätte.

Buchenwald selbst wird eine moderne ‚KZ-Stadt‘: Steinbaracken, Großküche und -wäscherei, die für 20.000 Häftlinge kochen und waschen, Krankenrevier und Einrichtung eines Bordells für manche Häftlinge, um die Arbeitsmoral in den Rüstungsfabriken zu steigern, …

1944/45 ändert sich die Funktion von Buchenwald erneut. Es müssen Häftlinge aus den aufgelösten Lagern im Osten bzw. aus den Außenlagern aufgenommen werden, bis zu 60.000 Häftlinge sind auf dem Ettersberg, insbesondere das Kleine Lager wird zum Sterbeort.

Man erfährt aber auch etwas über die Solidarität und den Widerstand an diesem Ort: So gelingt es Häftlingen der illegalen Widerstandsgruppe im Lager Kinder – in den Augen der SS ‚unnütze Fresser‘ – zu retten, 900 werden 1945 befreit. Durch eine Rettungsaktion kann Stephane Hessel überleben, der später Mitautor der UN-Menschenrechts-Charta wird.

Neben der Empathie für die Opfer versuchen wir jedoch auch eine Annäherung an die Rationalität der Täter. Wer sind sie? Für viele war Buchenwald offensichtlich ein ‚ganz normaler‘ und legitimer Arbeitsplatz. Denn schließlich muss die konstruierte Volksgemeinschaft ja ‚beschützt‘ werden. Deutlich wird uns bei dieser Betrachtung die zentrale Bedeutung der Gleichwertigkeit der Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.

Nach diesen anderthalb Tagen waren wir uns einig, dass wir viele Anregungen und Erfahrungen gemacht haben, die uns noch länger beschäftigen werden, denn die Debatten um die Wertigkeit von Menschen ist leider hochaktuell.

Der Unterbezirksvorstand hat schon beschlossen, auch in diesem Jahr eine solche Fahrt anzubieten.

Den vollständigen Bericht könnt Ihr hier herunterladen

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