Gutes Leben auf dem Land. Wie können wir den ländlichen Raum stärken?

Die Arbeitsgemeinschaft 60 plus des SPD-Unterbezirks Gießen hatte am Donnerstag zu einer Diskussion zum Thema “Gutes Leben in Stadt und Land. Wie können wir den ländlichen Raum stärken” ins Bürgerhaus Rödgen eingeladen. Das Podium war mit Thorsten Schäfer-Gümbel, hessischer SPD-Vorsitzender und Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Landrätin Anita Schneider, Landkreis Gießen, Thomas Schaumberg, Geschäftsführer der Vogelsberg Consult und Dr. Ulf Häbel, Pfarrer i.R. aus Freienseen kompetent besetzt.
Professionell moderierte Andrea Soboth vom Institut für Regionalmanagement. Impulsgebend nannte sie einige Herausforderungen wie unterschiedliche Prägung ländlicher Gebiete, Leerstände durch Abwanderung in strukturschwachen Gebieten, Entwicklung zu einem höheren Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, Mobilität der Landbevölkerung sowie deren Gesundheitsversorgung und Bildungsangebote, Umgang mit älteren Menschen und das Verhältnis von privatem zu öffentlichem Engagement.
Für den Landkreis Gießen sprach Landrätin Anita Schneider von Kommunen um den “Speckgürtel” der Stadt Gießen mit wachsender Tendenz, während weiter entfernte Städte und Gemeinden Einwohnerverluste nach dem jüngst veröffentlichten Zensus hinnehmen müssten. Insgesamt weise der Wanderungssaldo im Landkreis Gießen aber eine positive Tendenz auf. Im Grunde können wir nach einer Schrumpfung der Kreisbevölkerung um 1,8 Prozent beim Zensus mit den alten Zahlen arbeiten, sagte die Landrätin. In der Schaffung vergleichbarer Lebensverhältnisse sieht die Landrätin eine wesentliche Aufgabe der Landkreise. Am Beispiel der im Landkreis Gießen vorbildlich gemanagten Breitbandverkabelung machte sie deutlich, wie der Landkreis auch kleinste Gemeinden unterstütze. “2014 werden wir als einer der wenigen Kreise in Hessen eine flächendeckende Breitbandversorgung haben.” Bezüglich der Mobilität gebe es Ansätze zu einer eventuellen Reaktivierung der Lumdatal- und Horlofftalbahn. Sie bedauerte die Verschlechterung der finanziellen Rahmenbedingungen durch das Land Hessen und wünscht sich eine Wiederbelebung der Pilotprojekte Dorferneuerung und Energieeffizienz. Die Landrätin verwies auf zahlreiche erfreuliche Initiativen zur generationsübergreifenden Betreuung älterer Menschen in Kreiskommunen und die Erfolge bei der Berufsausbildung, Umschulung und Nachqualifizierung der vom Landkreis finanziell unterstützten Beschäftigungsgesellschaft ZAUG.
Thomas Schaumberg beklagte das “Demografiegespenst”, das an die Wand gemalt werde und für schlechte Laune sorge. Für den Vogelsbergkreis seien einst 85.000 Menschen prognostiziert worden, tatsächlich waren es dann aber 120.000. In den letzten 10 Jahren habe der Vogelsbergkreis 7 Prozent der Einwohner verloren. Jetzt liege man bei 108.000. Es gebe keine Metropole, sondern fünf Zentren. Keine Stadt weise mehr als 18.000 Einwohner auf. Wo die Infrastruktur stimme, finde Zuzug statt. Negativ wirke sich die Abwanderung junger Menschen aus, denn die Unternehmen könnten 1000 Arbeitsplätze, darunter 260 Ausbildungsplätze, nicht besetzen. “Die Lebensqualität hängt von der Qualität und Erreichbarkeit der Arbeitsplätze und der Bezahlung ab. Wir dürfen im sensiblen ländlichen Raum keine Fehler machen, sonst beschleunigen wir die Abwärtsspirale”, betonte Schaumberg, der auch auf die Problematik rückläufiger Schülerzahlen in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in ländlichen Gegenden näher einging. Er forderte einen regionaldifferenzierten Politikansatz und eine Überprüfung der Förderprogramme.

Mit der Feststellung, dass die Freienseener im letzten Dorf im Ostkreis zwar politisch zum Landkreis Gießen gehörten, von der Mentalität aber sich als Vogelsberger fühlten, hatte Dr. Ulf Häbel die Lacher auf seiner Seite. Das Zugehörigkeitsgefühl zu Freienseen, das durch soziale Beteiligung und nicht durch Komfort entstehe, sei stark ausgeprägt. Der primäre Lebensraum werde in Zukunft weniger die Familie, sondern eher die Nachbarschaft sein, sagte Häbel. Von 850 Einwohnern seien 270 über 60 Jahre alt. 10 Prozent benötigten Hilfe und seien pflegebedürftig. “Alle anderen sind quicklebendig und bereit, das Projekt Dorfschmiede mit Tagespflege, Dorfladen, Betreutes Wohnen, Begegnungsstätte und Begegnungscafé, Demenzbetreuung und Werkstatt zu unterstützen.” Etwa 150 Menschen seien im Vogelsberger Generationennetzwerk ehrenamtlich aktiv. Wenn die Kinder der Abstammungsfamilie ausfielen, müsse die Nachbarschaftsfamilie an deren Stelle treten. Von Vorteil sei, dass im Dorf jeder jeden kenne. Die Idee der Nachbarschaftsfamilie wuchs bei Dr. Häbel auf einem Kirchentag, wo der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf über seine Erfahrungen mit einem Mehrgenerationenhaus berichtete.

Thorsten Schäfer-Gümbel sagte, dass sich die Verhältnisse im Raum Gießen und Vogelsberg auch so in etwa im ganzen Land abbildeten. Auf die als Standortfaktor wichtige Kinderbetreuung näher eingehend stellte er fest, dass die Kommunen im ländlichen Raum den Wettbewerb um Erzieherinnen und Erzieher mit den massiv verdichteten Ballungsräumen verlieren. Andererseits könne der Durchschnittsbürger seine Wohnung beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet bei einem Quadratmeterpreis von 15 Euro kaum noch bezahlen. Die öffentliche Hand dürfe deshalb ihre Handlungsfähigkeit nicht aufgeben. Teilhabegerechtigkeit gestalte sich im Ballungsraum Frankfurt anders als im Vogelsbergkreis. Die Hessen-SPD arbeite seit mehreren Jahren an den hier diskutierten Themen. Vieles davon sei in das Regierungsprogramm eingeflossen. Eine rot-grüne Landesregierung werde unter anderem ein Programm zur Berufsausbildung und Nachqualifizierung auflegen.
“Wir brauchen einen neuen Hessenplan”, sagte Schäfer-Gümbel, der das ehrenamtliche Engagement Ulf Häbels und seiner Freienseener lobte. “Wir müssen aber aufpassen, dass wir das Ehrenamt nicht überlasten”, betonte er weiter unter dem Beifall des nahezu voll besetzten großen Bürgerhaussaales.

Nach der Diskussion unter Einbeziehung des Plenums dankte die Vorsitzende der SPD AG 60 plus, Elke Immelt, den Anwesenden auf dem Podium und im Saal und forderte die Akteure zur Zusammenarbeit auf. Das Land Hessen müsse die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen schaffen und der Landkreis habe zwischen Land und Kommunen zu koordinieren und zu vernetzen sowie gemeinsam mit den Gemeinden die Menschen vor Ort in ihrem ehrenamtlichen Engagement bei konkreten Projekten zu unterstützen.

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn

Mehr zum Thema

Wechsel an der Spitze des SPD Unterbezirks Gießen

Heute fand unser großer Parteitag in Wieseck statt. Wichtigster Tagesordnungspunkt: Die Wahl eines neuen Vorstandes. Unser alter Vorsitzender Matthias Körner ist nach über 8 Jahren an der Spitze unserer lokalen Partei nicht mehr angetreten. Wir sagen hier auch nochmal: Danke Matthias, dass du so lange unser Vorsitzender warst, dass du

Weiterlesen...
Scroll to Top